E3: Fläche der naturüberlassenen Gebiete

Durch den Menschen kaum beeinflusste «Wildnisgebiete» gibt es vor allem in den hohen Lagen. Sie machen knapp einen Fünftel der Schweizer Landesfläche aus und bestehen überwiegend aus Fels und Geröll. Die biologische Qualität der Wildnisflächen und damit auch ihre Bedeutung für die Natur sind unterschiedlich.

Als naturüberlassene Gebiete («Wildnisgebiete») gelten Flächen, die in ihrer Entwicklung nicht oder kaum durch den Menschen beeinflusst werden. Solche Flächen sind sowohl innerhalb, als auch ausserhalb von Reservaten zu finden. Zum Teil handelt es sich dabei um sehr unwegsames Gelände.

Entwicklung in der Schweiz

In den 1990er Jahren gab es in der Schweiz knapp 8’000 Quadratkilometer Land, das der Natur überlassen war. Dies entspricht rund 19 Prozent der Landesfläche.

Die folgende Tabelle zeigt die naturüberlassenen Gebiete  der Schweiz in den 1990er Jahren (1992/1997). Die Gebiete sind nach Höhenstufen und Bodenbedeckung gegliedert. Angegeben sind die Flächen in Quadratkilometer (km²) und die prozentualen Anteile an der Fläche der jeweiligen Höhenstufe. Für die naturüberlassenen Waldgebiete sind zudem 95 Prozent-Vertrauensintervalle angegeben.

Lesebeispiel

In den 1990er Jahren gab es oberhalb von 1'800 Metern über Meer 6’902 Quadratkilometer ungestörte Natur. Dies sind 57 Prozent der Fläche oberhalb dieser Höhe. 1'297 Quadratkilometer waren mit Gletschern bedeckt.

Kommentar

  • Naturüberlassene Flächen liegen vorwiegend oberhalb von 1'800 Meter über Meer.
  • Im Tiefland gibt es ausserhalb von Wäldern fast keine naturüberlassenen Flächen mehr. Vereinzelt kommen noch kleinräumige, wilde Feuchtgebiete vor.
  • «Übrige Wildnis» setzt sich aus Fels und Geröll sowie unproduktiver Gebüsch-, Gras- und Krautvegetation zusammen.
  • Gletscher und Firn bedecken 3 Prozent der Schweizer Landesfläche.
  • Die naturüberlassenen Waldgebiete werden mittels Stichprobenerhebungen des Landesforstinventars LFI ermittelt. Sie bedecken in der Schweiz mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent zwischen 1’148 und 1’309 Quadratkilometer. Dies sind 2,8 respektive 3,2 Prozent der Schweizer Landesfläche.
  • Ein Teil der naturüberlassenen Waldgebiete sind «Naturwaldreservate», die forstlich nicht genutzt wer den. Dort können viele Bäume wieder ihr volles biologisches Alter erreichen und der natürlichen Entwicklung wird bewusst Raum gelassen. Von 2001 bis 2007 hat sich die Fläche der Naturwaldreservate auf gut 150 Quadratkilometer verdoppelt.

Bedeutung für die Biodiversität

95 Prozent der Fläche unter 1'800 Metern über Meer liegt weniger als 500 Meter von der nächsten Infrastruktur entfernt. Oberhalb dieser Höhe sind es immer noch 33 Prozent. Diese Flächen gelten nicht als «naturüberlassen», da natürliche Prozesse gestört werden könnten.

Der Wert naturüberlasser Flächen liegt in den ungestörten Prozessen und nicht etwa in einer überdurchschnittlich hohen Artenvielfalt. Geröllhalden und Felswände sind beispielsweise sehr artenarme Gebiete. Doch entwickeln sie sich nach ihren eigenen Gesetzmässigkeiten und bieten spezialisierten Arten einen Lebensraum.

Die ungestörte Entwicklung führt zu «natürlichen», nachhaltigen Zuständen. Beispielsweise stehen in naturüberlassenen Wäldern im Vergleich zum Wirtschaftswald mehr dicke Bäume und der Anteil an Alt- und Totholz ist höher. Viele Insekten, Pilze, Flechten und Vögel sind ganz oder teilweise auf solche Strukturen und auf störungsarme Waldgebiete angewiesen. Naturüberlassene Wälder sind jedoch meistens dichter und dadurch dunkler, denn offene Flächen entstehen dort vorwiegend durch Murgänge, Lawinen oder Stürme. Da viele Tier- und Pflanzenarten auf Licht und Wärme angewiesen sind, finden sie in solchen Wäldern keinen geeigneten Lebensraum.  Dadurch kann sich die wachsende Waldwildnis negativ auf die Biodiversität auswirken. Dasselbe ist der Fall, wenn sich die Waldwildnis auf ehemaligen Trockenwiesen ausbreitet.

Es ist anzunehmen, dass der Klimawandel die Zusammensetzung der Wildnis in hohen Lagen beeinflussen wird. So etwa, weil die Gletscher schmelzen und Fels und Sand freigeben oder weil die Baumgrenze steigt.