Ziel noch nicht erreicht
Der Wandel unserer Landschaft und der Artenvielfalt ist ein ständiger Prozess. Die Veränderung von Lebensräumen, das Siedlungswachstum, die Globalisierung und der Klimawandel sind Ausdruck und zum Teil auch Ursache dieses Wandels. Unsere Anstrengungen, die Biodiversität zu fördern, zeigen zwar erste Erfolge, insbesondere im Wald. Das wichtigste Ziel, nämlich den allgemeinen Biodiversitätsverlust zu stoppen, wurde indes noch nicht erreicht. Besonders in den Alpen mit ihren in vielerlei Hinsicht hervorragenden Naturwerten gilt es, negative Entwicklungen abzuwenden, die sich dort gegenwärtig abzeichnen.
Biodiversität bezeichnet die Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten, aber auch deren genetische Variabilität sowie den Reichtum ihrer Lebensräume. Die gegenseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den Organismen und die Vielfalt der ökologischen Prozesse (z.B. der Abbau von Biomasse oder der Nährstoffkreislauf) sind ebenfalls Teil der Biodiversität. All diese Aspekte sind zu berücksichtigen, wenn wir die Biodiversität schützen und fördern wollen. Angesichts der weit über 40 000 Tier- und Pflanzenarten, die in der Schweiz verteilt über eine Fläche von 41 000 Quadratkilometern vorkommen, ist offensichtlich, wie schwierig es ist, verlässliche Aussagen zur Situation der Biodiversität zu machen.
Das Biodiversitäts-Monitoring Schweiz (BDM) erfasst die Entwicklung der Biodiversität zum grossen Teil anhand von Brutvögeln, Tagfaltern, Gefässpflanzen, Moosen und Schnecken. Mit dieser Auswahl gelingt es, wesentliche Trends der biologischen Vielfalt aufzuzeigen und die BDM-Zahlen mit Daten aus anderen Programmen zu ergänzen und in Beziehung zu setzen. Bewusst stützt sich die BDM-Methodik nicht auf einzelne Indikatorarten, sondern auf ganze Artengruppen.
Berglandschaften unter Druck
Die aktuellen Zahlen zur Bautätigkeit belegen eindrücklich, dass sich die Schweiz gegenwärtig tief greifend verändert. Dass die Industrialisierung bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts zu einer radikalen Umgestaltung unserer Landschaften geführt hat, ist hinlänglich bekannt. Überraschender ist: Der Wechsel von der Selbstversorgungs- und Industriegesellschaft zur Dienstleitungsgesellschaft ab ungefähr 1970 und die zunehmende Verstädterung verursachen einen Landschaftswandel in ebenso grossem Ausmass. Das Siedlungswachstum betrug in den 1980er- und 1990er-Jahren rund 13 Prozent und erfasste auch die Alpentäler. Die Siedlungen in den Westlichen Zentralalpen wuchsen mit über 20 Prozent sogar besonders schnell.
Die Siedlungsgebiete dehnen sich auf Kosten der Landwirtschaftsfläche aus. Landwirtschaftlich genutzte Flächen stehen in zweifacher Weise unter Druck. Einerseits bildet das Landwirtschaftsgebiet die grösste Reserve für Bauland und Verkehrswege in der Nähe bestehender Siedlungen. Andererseits geben die Landwirte die Nutzung von unrentablen Lagen zunehmend auf, wodurch sich der Wald rasch ausdehnen kann. Für die Biodiversität im Offenland hat dies Folgen: Die verbleibenden Landwirtschaftsbetriebe konzentrieren sich auf das rationell bewirtschaftbare Land in Gunstlagen und nutzen dieses bis in die hochmontane Stufe unter starkem Einsatz von Maschinen und Nährstoffzugaben. Grenzertragslagen mit nährstoffarmen Böden und einer reichhaltigen Flora und Fauna – zum Beispiel Trockenwiesen – werden durch Direktzahlungen sowie Naturschutzmassnahmen erhalten, oder fallen der Nutzungsaufgabe beziehungsweise der Intensivierung zum Opfer. Auch heute noch! Die Zahlen zur Landnutzung und aus dem Biotopschutz lassen kaum einen anderen Schluss zu. Vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund der Landnutzung hat die Biodiversität weiterhin einen schweren Stand. In den kommenden Jahrzehnten wird sich entscheiden, ob die Gebirgslandschaften der Alpen und des Juras eine ähnliche Ver armung erfahren wie das Mittelland im letzten Jahrhundert.
Siedlungswachstum mit zwiespätigen Folgen
Siedlungswachstum auf Kosten der Landwirtschaft – das klingt nach Verlust von Natur. Zweifellos sind mit Gebäuden und Strassen verbaute Böden für die Natur weitgehend verloren. Unversiegelte Siedlungsböden dagegen sind artenreicher als das Landwirtschaftsgebiet – zumindest was die Pflanzen- und Tiergruppen anbelangt, die das BDM beobachtet. Damit wird deutlich, wie wichtig die Siedlung als Rückzugsraum und Ersatzlebensraum vor allem für Pflanzen und Tiere des Offenlandes geworden ist. Soll dies auch in Zukunft so bleiben, braucht es eine sorgfältige Gestaltung neu überbauter Gebiete, die der Bio diversität Rechnung trägt.
Ein wichtiges Rückzugsgebiet sind die Siedlungen mitunter auch für spezialisierte und seltene Arten, zum Beispiel für Pionier- und Ruderalpflanzen, für Moose, denen felsige Standorte behagen, für Wildbienen, Fledermäuse oder auch für Amphibien. Andererseits sind die Siedlungen heute auch ein Einfallstor und Ausbreitungsgebiet für gebietsfremde Pflanzen und Tiere, die sich unübersehbar und teilweise auf problematische Weise in unseren Landschaften festsetzen. Die Beurteilung dieser Entwicklungen mag unterschiedlich ausfallen – das Potenzial des Siedlungsraums für die Biodiversität sollte aber keinesfalls unterschätzt werden.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind entscheidend
Veränderungen sind Teil des Lebens und der menschlichen Kultur. Der Einfluss des Menschen auf seine Umwelt ist bereits seit Tausenden von Jahren offensichtlich. Erst in jüngerer Zeit wurde indes damit begonnen, die Folgen unseres Tuns auf die Natur zu überdenken und durch zielgerichtetes Handeln zu beeinflussen. Daraus entstanden neue Gesetze und Verordnungen wie das Waldgesetz, das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz (NHG), der bundesrechtliche Biotopschutz oder das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN). Die Naturschutzbemühungen wurden in den letzten 15 Jahren deutlich intensiviert. Einige Beispiele dafür sind die ökologisch ausgerichteten Direktzahlungen an die Landwirte, der Bio-Landbau, das auf das NHG abgestützte Beitragswesen für den Biotopschutz, das Programm Landschaft 2020 oder das Waldprogramm 2004–2015. Wie die Kapitel zum Wald und zur Landwirtschaft in diesem Bericht zeigen, sind die positiven Folgen dieser Massnahmen unterdessen spürbar. Doch mehr als diese überwiegend staatlichen Lenkungsmassnahmen sind es noch immer die ökonomischen Rahmenbedingungen, welche die Art und Intensität der Landnutzung grundlegend prägen. Diese sind es auch, welche die im Vergleich zur Landwirtschaft unterschiedliche Situation der Biodiversität im Wald erklären.
Hoffnungsvolle Zeichen aus dem Wald
Im Schweizer Wald gibt es heute mehr naturbelassene Bestände als noch vor rund zehn Jahren. Bedeutende Flächen mit Waldwildnis gibt es allerdings nach wie vor nur in gebirgigen Regionen. Und nur dort nahm die Fläche der Waldwildnis zu. In den letzten zehn Jahren hat auch die Gesamtausdehnung der Waldreservate zugenommen. In diesen Reservaten wird entweder auf jegliche Nutzung verzichtet, oder es werden nur Eingriffe zu gunsten des Naturschutzes vorgenommen. Ebenfalls stark angestiegen ist der Anteil naturverjüngter Wälder, auch im Mittelland. Ausserdem gibt es heute in allen Landesregionen deutlich grössere Mengen an Totholz als vor zehn Jahren. Totholz bildet eine der wichtigsten Ressourcen für Waldlebewesen.

Diese Entwicklungen wirken sich günstig auf die Artenvielfalt im Wald aus, insbesondere auf die Vielfalt schattentoleranter oder totholzbewohnender Organismen wie Pilze, Flechten, Moose und Schnecken. Für Moose und Schnecken wird das BDM nach Abschluss der Zweiterhebung in wenigen Jahren die Entwicklung beurteilen können.
Schon jetzt ist jedoch zu konstatieren, dass sich der Schweizer Wald in die Richtung entwickelt, die das Waldprogramm Schweiz 2004–2015 (WAP-CH) und andere Programme zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität vorgeben. Die erste Etappe auf dem Weg zu einem biologisch vielfältigeren Wald scheint geschafft.
Durchzogene Bilanz in der Landwirtschaft
Auch in der Landwirtschaft gibt es gewisse Fortschritte im Hinblick auf die Umweltziele, die der Bund jüngst vorgegeben hat. Die Gesamtbilanz fällt aber noch ungenügend aus. Die Zahl von rund 121 000 Hektaren ökologischer Ausgleichsfläche – das sind 11,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche – scheint zunächst beeindruckend. Doch oft bestimmen die Landwirte die Lage der Ausgleichsflächen nach rein betriebswirtschaftlichen Überlegungen; ihr Nutzen für die Biodiversität ist darum teilweise beschränkt. Insgesamt weist nur rund ein Viertel der angemeldeten Wiesen, Streueflächen, Hochstamm-Obstgärten und Hecken die Qualität auf, welche die Ökoqualitätsverordnung (ÖQV) verlangt.

Es ist zwar ermutigend, dass das BDM seit 2001 eine leichte Zunahme des mittleren Artenreichtums in den Schweizer Wiesen festgestellt hat. Ersten Analysen zufolge ist die Zunahme aber vor allem auf ohnehin schon häufige Pflanzenarten der Fettwiesen zurückzuführen, die sich weiter ausbreiten. Es gibt bislang noch keine Hinweise darauf, dass auch die Vielfalt der charakteristischen, seltenen oder gefährdeten Arten im Landwirtschaftgebiet zugenommen hätte, wie es der Bund sich zum Ziel gesetzt hat. Im Gegenteil: Die Bestandeseinbussen vieler Vogelarten des Kulturlandes, die der Swiss Bird Index SBI® dokumentiert, deuten eher in die gegenteilige Richtung. Schwer wiegen auch die Qualitäts- und Flächenverluste bei den Flachmooren und Trockenwiesen.
Schützenswerte Alpen
Die Alpen besitzen eine herausragende Bedeutung für die Biodiversität in der Schweiz – insbesondere die hohen Lagen. Allen modernen Entwicklungen zum Trotz haben die Alpen nicht zuletzt dank ihrer extremen Topografie einen Grossteil ihrer biologischen Vielfalt bewahrt. Nicht nur der Artenreichtum der Wiesen und Weiden, auch derjenige der Wälder hebt sich in den subalpinen und alpinen Höhenstufen deutlich von dem in den tiefen Lagen ab. Und nirgends gibt es so ausgedehnte Flächen mit weitgehend naturüberlassenen Lebensräumen wie in den Alpen: Felsen, Geröllfelder, aber auch Zwergstrauchheiden, Moore und kaum genutzte Wälder.
Nicht nur einzelne Lebensräume, auch ganze Landschaften beherbergen in den Alpenregionen eine höhere Biodiversität als im Mittelland, zumindest was Gefässpflanzen und Tagfalter anbelangt. Tagfalterreiche Landschaften gibt es fast ausschliesslich in den Alpen, teilweise auch im Jura. Die grosse Tagfaltervielfalt in den höheren Lagen ist eine Folge der Grünland-Qualität und nicht etwa der natürlichen Höhenverbreitung dieser Insekten. Die Tagfalter sind stark vom Blütenangebot und vom Vorkommen geeigneter Wirtspflanzen abhängig. Deshalb finden sie heute in den vergleichsweise artenreichen Wiesen im Gebirge weit bessere Lebensräume als im Talgebiet.

Für den Biodiversitäts-Hotspot Alpen trägt die Schweiz eine besondere Verantwortung. Pflanzen und Tiere der alpinen Lagen sind häufiger als Arten anderer Höhenstufen in ihrer Verbreitung limitiert und deshalb grundsätzlich einem höheren Aussterberisiko ausgesetzt. Zwar gibt es nur sehr wenige Pflanzen- oder Tierarten, die ausschliesslich in der Schweiz vorkommen. Das Verbreitungsgebiet von rund 150 in Mitteleuropa endemischen Gefässpflanzenarten liegt indes zu einem Viertel oder mehr auf Schweizer Boden. Von diesen Endemiten gehören die meisten zu den Gebirgspflanzen der hohen und höchsten Lagen. Sie wachsen sowohl auf landwirtschaftlich genutzten als auch auf naturüberlassenen Flächen.
In diesem Zusammenhang gibt zu denken, dass die Alpen momentan von starken Veränderungen betroffen sind. Damit ist nicht nur der oben beschriebene Landschaftswandel, insbesondere im Zusammenhang mit der Landwirtschaft, gemeint: Auch der Wandel des Klimas ist in den Alpen besonders spürbar. Über die Folgen des Klimawandels für die Biodiversität in den Bergen lässt sich vorderhand erst spekulieren. Für die besonderen Arten der alpinen Lebensräume und die Höhenverbreitung vieler Arten könnte ein Anstieg der Temperaturen jedoch bald Folgen haben. Erste Anzeichen dafür gibt es: Das BDM hat einen mittleren Anstieg der Höhenverbreitung subalpiner und alpiner Pflanzenarten um rund 13 Meter innerhalb von bloss fünf Jahren beobachtet. Ob sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren fortsetzt und welche Folgen diese für die Biodiversität alpiner Lebensräume haben wird, ist noch offen.
Artenreichtum in der Schweiz
Neben den einzelnen Ökosystemen sollte die Schweiz als Ganzes nicht aus den Augen verloren werden. Die Zahl der wild lebenden Arten jener Tiergruppen, die das BDM erfasst, ist in der Schweiz zwischen 1997 und 2006 weitgehend konstant geblieben. Neu zuzüge – inklusive gebietsfremder Arten – und Verschwinden hielten sich insgesamt un gefähr die Waage. In den verschiedenen Regionen der Schweiz veränderten sich die Artenzahlen aber durchaus. Besonders auffällig ist der Zuwachs von vier Brutvogelarten in den Östlichen Zentralalpen: Karmingimpel (Carpodacus erythrinus), Reiherente (Aythya fuligula), Schwarzmilan (Milvus migrans) und Fitis (Phylloscopus trochilus) (siehe BDM-Indikator «Artenvielfalt in der Schweiz und in den Regionen (Z3)»).
Die Betrachtung längerer Zeiträume lässt jedoch eine unerwartete Dynamik erkennen. Trotz der zunehmenden Bedrohung vieler Tierarten zeigt sich, dass die Gesamtzahl der in der Schweiz wild lebenden Tierarten seit 1900 unter dem Strich zugenommen hat. Nebst den vielen Tierarten, die bedroht sind, gibt es nämlich auch solche, die im Zuge einer natürlichen Arealausdehnung oder dank menschlicher Hilfe neu eingewandert sind (vgl. Abbildung). Darunter befinden sich auch problematische Arten wie der Seefrosch (Pelophylax ridibunda) oder der Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva).

Von total 715 beurteilten Arten aus 9 ausgewählten Gruppen sind seit 1900 nachweislich insgesamt 23 Tierarten aus der Schweiz verschwunden. Im gleichen Zeitraum sind aber auch 42 Arten hinzugekommen. Besonders deutlich ist die Zunahme bei den Brutvögeln (+14 Arten) und bei den Säugetieren (+8 Arten). Gemäss BDM-Kriterien gelten Arten erst dann als «vorkommend», wenn sie während mindestens 9 von 10 aufeinanderfolgenden Jahren wild lebend in der Schweiz aufgetreten sind. Zudem führt das BDM nur zu einigen ausgewählten Tiergruppen Buch. Diese Einschränkungen bedeuten, dass die gebietsfremden Neuankömmlinge der letzten Jahre, wie etwa der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis), die Kräuseljagdspinne (Zoropsis spinimana) oder die Östliche Keiljungfer (Gomphus flavipes) in der Bilanz noch nicht berücksichtigt werden. Welche Arten eine Bereicherung und welche eine Bedrohung der einheimischen Fauna darstellen, wird derzeit unter Fachleuten diskutiert.
Der beobachtete Trend ist jedenfalls nicht allein die Folge von Naturschutzbemühungen. Der Zuwachs darf auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die bisherigen Anstrengungen im Arten- und Biotopschutz noch keine Wende zum Besseren gebracht haben. Die Qualität der verbliebenen Moore hat deutlich abgenommen, und die Trockenwiesen von nationaler Bedeutung verlieren weiterhin an Fläche. Zudem stehen Letztere noch nicht unter umfassendem rechtlichem Schutz. Die Angaben zum Artenreichtum sagen ausserdem nichts über die Zu- oder Abnahme der Populationen aus. Ein Blick auf die Gefährdungsbilanzen einzelner Organismengruppen gibt nach wie vor Anlass zur Besorgnis: Jede dritte Art dieser Gruppen steht in der Schweiz auf der Roten Liste.
Artenreichtum in Lebensräumen und Landschaften
Mit den Veränderungen in der Landnutzung, in der Landwirtschaft und dem Wandel des Klimas wurden weiter oben starke Kräfte genannt, die auf die Biodiversität einwirken. Das BDM ist mit seinen Kernindikatoren zum Zustand der Artenvielfalt in Lebensräumen und Landschaften darauf ausgelegt, direkt zu dokumentieren, wie die Organismen von solchen Auswirkungen betroffenen sind. Zwischen 2001 und 2005 wurden über 2000 Messflächen untersucht. Seit 2006 sind erste Wiederholungsmessungen auf denselben Flächen im Gang. Mittlerweile sind zwei Fünftel der Gesamtstichprobe zweimal untersucht worden. Damit ist das BDM nun in der Lage, erste Hinweise auf aktuelle Veränderungen des Artenreichtums in der Schweiz zu geben.
Anhand bereits heute verfügbarer Daten aus dem BDM-Indikator «Artenvielfalt in Lebensräumen (Z9)» lässt sich erkennen, dass die durchschnittlichen Artenzahlen von Gefässpflanzen in Schweizer Wiesen und Weiden zugenommen haben, insbesondere in der montanen Stufe. Der Zuwachs wird durch viele verschiedene Pflanzenarten verursacht. Besonders häufig neu auf BDM-Messflächen aufgetreten sind aber Pflanzenarten wie der Löwenzahn (Taraxacum officinale), das Gemeine Rispengras (Poa trivialis), der Weiss klee (Trifolium repens) oder der Kriechende Günsel (Ajuga reptans). Dies sind nährstoffliebende, häufige Arten. Solche Arten haben sich in den letzten fünf Jahren offenbar weiter ausgebreitet und kommen heute auch in Gebieten oder Lebensräumen vor, wo sie vorher nicht zu finden waren.
Anders als bei den Gefässpflanzen sind bei Moosen und Mollusken bislang noch keine Entwicklungen nachweisbar.
Erste Ergebnisse aus dem BDM-Indikator «Artenvielfalt in Landschaften (Z7)» deuten darauf hin, dass die Anzahl der Gefässpflanzenarten in den vergangenen fünf Jahren auch auf dem Niveau ganzer Landschaftsausschnitte zugenommen hat. Gemessen werden die Artenzahlen auf Flächen von einem Quadratkilometer. Statistisch erhärtet sind mittlere Zunahmen für die biogeografischen Regionen «Jura» und «Alpennordflanke». In den anderen Regionen konnte das BDM bisher keine gesicherten Veränderungen feststellen. Ersten Auswertungen zufolge sind auch auf Landschaftsebene vor allem die charakteristischen Nährstoffzeiger für Fettwiesen und -weiden häufiger geworden.
Bei den Brutvögeln ist dagegen seit Beginn der Messungen 2001 keine Veränderung der Artenzahlen auf Landschaftsebene nachweisbar, weder schweizweit noch regional. In Bezug auf die Bestandesgrössen der einheimischen Brutvogelarten, die regelmässig in der Schweiz brüten, verzeichnet der Swiss Bird Index SBI® der Vogelwarte Sempach seit den 1990er-Jahren indes einen leicht positiven Trend.
Bereicherung oder Einheitsbrei?
In weiten Teilen der Schweizer Landschaft mit ihren intensiv genutzten Böden gilt eine hohe Artendichte in der Regel als positiv, eine niedrige Artendichte als negativ. Der Artenreichtum allein sagt aber noch nichts aus über die ökologische Qualität der vorkommenden Arten. Es sind vor allem Arten mit speziellen ökologischen Ansprüchen, die für einen Lebensraum charakteristisch sind und ihm seine Unverwechselbarkeit verleihen. Dieser Aspekt darf nicht ausgeblendet werden. In einer globalisierten und zunehmend rationalisierten Welt vereinheitlichen sich die Landnutzungsmethoden sowie die Landschafts gestaltung und -pflege. Wenn dadurch die kulturell und standortbedingten Besonderheiten der Lebensräume verschwinden, bedeutet dies einen herben Verlust für die Biodiversität – selbst wenn die Artenzahlen dabei konstant bleiben oder sogar zunehmen. Am Ende dieses Prozesses stünden die Normalwiese, der Normwaldrand oder die Standardhecke, die überall in der Schweiz gleich aussähen.
Diese «Homogenisierung» von Lebensgemeinschaften erfasst das BDM neu mit dem Indikator «Vielfalt von Artengemeinschaften (Z12)». Damit steht ein aussagekräftiges Mess instrument für einen zentralen Aspekt der Biodiversität zur Verfügung. Der Index soll zeigen, ob sich die Zusammensetzung der Flora und Fauna auf verschiedenen BDM-Messflächen mit der Zeit angleicht oder aber diversifiziert. Der Index basiert auf den Messungen des Artenreichtums in Landschaften und Lebensräumen und vergleicht die Artenlisten der Messflächen miteinander. Mit den zwischen 2001 bis 2007 erhobenen Daten lassen sich erste Veränderungen berechnen. Momentan ist einzig bei den Wiesen eine Tendenz zur Vereinheitlichung der Artengemeinschaften festzustellen. Für andere Nutzungskategorien sind noch keine eindeutigen Trends erkennbar.


Nach acht Jahren intensiver Forschungstätigkeit präsentiert das BDM seinen zweiten detaillierten Bericht zur biologischen Vielfalt in der Schweiz.Der Bericht greift dabei auf Daten aus der Zweiterhebung zurück und wartet daher mit ersten Trends zur Entwicklung der Artenvielfalt auf. Stand: Mai 2009